Ein Überblick über ein facettenreiches Gefühl

Angst hat viele Gesichter

Von Prof.Dr. Borwin Bandelow, Präsident der Gesellschaft für Angstforschung

Angst begleitet uns jeden Tag elegant durch das Leben, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Wenn wir an einer roten Ampel anhalten, wenn wir auf einem steilen Bergpfad wandern – immer läuft ein automatisches Angstprogramm in unserem Gehirn ab. So ist die Grenze zwischen natürlicher und pathologischer Angst manchmal schwer zu definieren.

Angst hat auch etwas Positives: Ohne Angst kann kein Lebewesen überleben.
Angst kann motivieren. Menschen, die unter der Furcht leiden, keine ausreichende Leistung zu erbringen, sind für viele Errungenschaften in der Kunst, Wissenschaft, Technik und anderen Bereichen menschlichen Schaffens unerlässlich. Kein Schauspieler, kein Musiker ist wirklich gut, wenn er nicht ein gewisses Lampenfieber hat – ist das dann pathologische Angst?

Angst ist aber auch ein gesellschaftliches Phänomen: Menschen, die befürchten, von anderen Menschen kritisch beurteilt zu werden, tragen zum friedlichen Miteinander auf der Welt bei. Auch wenn es nicht immer so aussieht: Der Mensch ist ein soziales Wesen. In einer überbevölkerten Welt müssen Menschen miteinander auskommen, und das geht nur, wenn sie voreinander Respekt haben und vermeiden, mit anderen Menschen in Konflikt zu geraten.

Ängste sind zum Teil angeboren. So werden Phobien vor gefährlichen Tieren wie Spinnen oder Schlangen bereits vor der Geburt in unser Gehirn eingebaut. Gäbe es solche natürlichen, angeborenen Ängste nicht, und müssten Ängste vor zahlreichen Gefahren erst durch schlechte Erfahrungen erlernt werden, hätte es in der Evolution zu viele Totalausfälle geben. Würde man die Lernerfahrung machen, dass ein Klapperschlangenbiss tödlich ist, hätte man keine Chance mehr, aus dieser Lernerfahrung Nutzen zu ziehen. So kommt jeder Mensch mit einem Satz angeborener Phobien auf die Welt, von denen manche sinnvoll sind, wie zum Beispiel die natürliche Höhenangst, andere vielleicht überholt – wenn man zum Beispiel an die Angst vor Spinnen in Deutschland denkt, die mehr oder weniger überflüssig ist.

So gehen krankhafte Ängste immer auch auf eine natürliche, angeborene Angst zurück – allerdings entwickeln sie sich dann in einem bestimmten Lebensalter in übersteigerter Form. Für alle Angsterkrankungen konnte gezeigt werden, dass sie zum Teil genetischen Ursprungs sind. Um eine vollausgebildete Angsterkrankung zu bekommen, können allerdings noch andere Faktoren hinzukommen: belastende Lebensereignisse in der Kindheit oder im Erwachsenenalter, Milieufaktoren, Lernerfahrungen, medizinische Erkrankungen und zahlreiche andere Einflüsse.

Von allen seelischen Erkrankungen sind die Angsterkrankungen am häufigsten vertreten. Man schätzt, dass etwa fünfzehn Prozent aller Menschen einmal in ihrem Leben an einer Angsterkrankung leiden. Sie leiden unter manchmal unrealistischen und übersteigerten Ängsten und reagieren häufig mit heftigen körperlichen Symptomen. Mit den heutigen Behandlungsmethoden haben die Patienten eine realistische Chance, ein beschwerdefreies Leben zu genießen.

Aus „Angst - Medizin. Psychologie. Gesellschaft.“, herausgegeben von Prof. Dr. med. Peter Zwanzger. November 2018. ISBN: 978-3-95466-406-1, Medizinisch-Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.