Prävention psychischer Gesundheitsgefährdungen in Berufsschulen

Im Interview mit Klara Reichenbach vom Institut für Gesundheit und Management, erfahren Sie, wie Selbstbewusstsein, Selbstorganisation, Sozialkompetenz, Stressregulation und Suchtkompetenz mit psychischer Gesundheit in Berufsschulen zusammenhängen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich mit der Zielgruppe Berufsschüler*innen beschäftigt haben?

Beim Institut für Gesundheit und Management unterstützen wir Auszubildende schon seit mehr als drei Jahrzehnten mit unserem Programm „Azubifit“ bei der Entwicklung ihrer Gesundheitskompetenzen. Das Programm folgt der Grundidee, Gesundheit als integralen Bestandteil in der Ausbildung zu platzieren. Der Schritt in die Berufsschule lag für uns daher auf der Hand, da wir die Auszubildenden bzw. Berufsschüler*innen hier gleich doppelt unterstützen können. Durch die Möglichkeit, die Präventionsangebote eng am zukünftigen beruflichen Alltag der Schüler*innen zu orientieren, liegt in diesem Setting eine besondere Möglichkeit zur frühen Prävention psychischer Gesundheitsgefährdungen in der Arbeitswelt. Die Berufsschule war für uns ein spannendes „neues“ Feld, da es bisher noch sehr wenige Erkenntnisse zur psychischen Gesundheit in diesem Setting gibt. Dabei haben wir hier eine ganz besondere Lebenssituation für junge Menschen, mit der Schule (Lernen) auf der einen und dem Betrieb (Arbeiten) auf der anderen Seite.

Wie sind Sie vorgegangen?

Das 5-S-Präventionskonzept wurde in drei Schritten konzipiert. Im theoriegeleiteten ersten Schritt haben wir eine umfangreiche Literaturrecherche zum Gesundheitsstatus von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu den häufigsten psychischen Störungen durchgeführt. Im handlungspraktischen zweiten Schritt haben wir daraus ein neues, umfassendes und ressourcenorientiertes Konzept abgeleitet und entwickelt, welches das Thema psychische Gesundheit breiter als im ersten Schritt versteht. Hier wurden nicht nur die häufigsten Störungsbilder aufgegriffen, sondern darüber hinaus auch für das Alter und den Ausbildungsabschnitt prägende Entwicklungsaufgaben einbezogen, welche gut gemeistert auch als individuelle Ressourcen wirken können. Darüber hinaus wurden die fünf Kompetenzbereiche auch sprachlich in ein einfaches und „griffiges“ Konzept − das „5-S-Präventionskonzept“ − überführt, um im Unterricht eingängig und nachhaltig vermittelt werden zu können. Die abgeleiteten fünf Handlungsfelder wurden im letzten Schritt mittels qualitativer und quantitativer Erhebungen von Berufsschüler*innen, Lehrenden und Schulleitungen bestätigt.

Was macht das Konzept aus?

Das 5-S-Präventionskonzept ist ein ressourcenorientierter Ansatz, in dessen Mittelpunkt die Förderung der folgenden 5 Kompetenzbereiche, oder auch „5-S-Themen“, steht: Selbstbewusstsein, Selbstorganisation, Sozialkompetenz (analog und digital), Stressregulation und Suchtkompetenz. Mit Stärkung dieser 5 Kompetenzbereiche werden die Schüler*innen dabei unterstützt, die Herausforderungen im Berufsschulalltag gesünder zu meistern und diese Bewältigungskompetenzen im besten Fall auch auf andere Lebensbereiche zu übertragen. Das 5-S-Präventionskonzept ist darüber hinaus ein ganzheitlicher Ansatz, bei dem auch Lehrende und Schulleitungen aktiv eingebunden und unterstützt werden. Denn um Unterricht gesund gestalten zu können, muss auch der Lehrendengesundheit Aufmerksamkeit gewidmet werden. So bietet sich die hervorragende Gelegenheit, den Grundstein für eine hohe Bildungs- und Beziehungsqualität und ein gesundheitsförderndes Schulklima zu legen.

Welche Angebote sind entstanden?

Aus dem Präventionskonzept wurden Lehr- und Lernmaterialien für den Unterricht in der Berufsschule entwickelt. Jedem der 5 Kompetenzbereiche ist dabei ein Modul im Umfang von einer Doppelstunde (90 Minuten) gewidmet. Und jedes Modul besteht aus drei Blöcken: einem Wissensteil mit den zugehörigen PowerPoint-Folien, einem Praxisteil mit drei Übungen zur Vertiefung sowie einer abschließenden Plenumsdiskussion zur Sammlung der Kernbotschaften des Moduls. Das Ganze funktioniert wie ein Baukastensystem: Von einzelnen Übungen über eine Doppelstunde, z. B. zum Thema „Selbstbewusstsein“, bis hin zu einem ganzen Tag zum Thema „psychische Gesundheit“ ist alles möglich. Neben den 5 PowerPoint-Folien zu den einzelnen Modulen haben wir für die Lehrenden ein Unterrichtsmanual entwickelt, welches an das Präventionskonzept und die Einbindung der Materialien in den Unterricht heranführt, sowie Anleitungen für den Wissensinput und die Übungen liefert. Und um die Sache rund zu machen, gibt es dazu noch ein Workbook für die Berufsschüler*innen. Hier können die Schüler*innen die Übungen bearbeiten, aber auch nochmal nachlesen, was es über die 5-S-Themen zu wissen gibt und warum diese Themen überhaupt relevant für sie sind.

Und wie geht es weiter?

In den vielen Gesprächen mit den Berufsschüler*innen und Lehrenden haben wir sehr viel darüber gelernt, wie wir die Zielgruppe am besten erreichen und ansprechen können. Dieses Wissen ist in ein neues spannendes Projekt geflossen, welches auch auf dem 5-S-Präventionskonzept basiert: You!Mynd. You!Mynd bietet weitere kostenfreie, praxisnahe und vordergründig digitale Lehr- und Lernmaterialien, vom klassischen Seminar über Podcasts bis hin zum analog-digitalen Wissensspiel für den Unterricht. Und für die Lehrenden ist ein Psychoedukations-Seminar dabei. Weitere Informationen sowie Kontakt zum You!Mynd Projektbüro finden Sie auf der Projektwebseite.