Wer übertreibt, läuft gegen die Wand

Skisprunglegende Sven Hannawald hat sein Burn-out überwunden. Nun möchte er andere vor dem Weg in die Krise bewahren.

Der 6. Januar 2002 fällt auf einen Sonntag: Eine hellgraue Wolkendecke hängt über dem österreichischen Bischofshofen; gelegentlich blinzelt die Sonne durch und taucht die tief verschneite Landschaft in ein erhabenes Licht. Perfekte Bedingungen, um einen Mythos zu besiegen. Denn Sven Hannawald könnte hier heute schaffen, was noch niemandem vor ihm gelungen ist: Wenn er auch noch dieses letzte Springen für sich entscheidet, hätte er alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee gewonnen. Eine spektakuläre Leistung – physisch und psychisch. Der Druck ist enorm.

Und tatsächlich: Während die Mädchen auf den Zuschauerrängen Plakate mit „Hanni, wir lieben Dich“ in die Höhe strecken und sich knapp 15 Millionen Menschen vor dem Fernseher versammeln, behält der schmale, junge Mann im silberglänzenden Anzug oben auf dem Balken die Nerven. Wie mühelos gleitet er über den Schanzentisch und segelt durch die kalte Winterluft. Als er nach 131,5 Metern aufsetzt, weiß er: Er hat es geschafft. Erleichtert stürzt er in die Arme seiner Schwester und seiner Eltern. Es ist der größte Triumph seiner Karriere. Doch bald darauf beginnen seine Leistungen zu schwanken. Seine Akkus seien leer, erklärt der Sportler. Spekulationen über eine Magersucht reißen nicht ab; schließlich wird bekannt: Hannawald leidet unter einem Burn-out.

„Letztendlich habe ich mich selbst in das Hamsterrad hineingearbeitet“, erzählt Hannawald 17 Jahre später am Telefon. Er klingt sympathisch; seine Stimme ist ruhig. Bereits als Sieben¬ jähriger nahm er in der DDR an einem Skisprunglehrgang teil: „Ich habe geheult, wenn ich einen Fehler gemacht habe und dadurch Zweiter wurde.“ Diesen Ehrgeiz behielt er bei; er verstärkte sich über die Jahre sogar. Je erfolgreicher Hannawald wurde, desto verbissener trainierte er. Gönnten sich seine Kollegen nach dem Wettkampf eine Verschnaufpause, bereitete er sich bereits auf seinen nächsten Einsatz vor. Er analysierte seine letzten Sprünge, tüftelte, grübelte. „In meinem Kopf ratterte es permanent.“ Fürsorgliche Ratschläge von Eltern und Freunden, „mal ein bisschen langsamer zu machen“, prallten an ihm ab.

„Ich dachte, ich könne mir so einen Vorteil erarbeiten.“ Der Erfolg schien ihm Recht zu geben, hatte allerdings nur eine bedingte Halbwertszeit. Irgendwann spürte Sven Hannawald, dass er in der Nacht keine Ruhe mehr fand; ging es zum Training, überfiel ihn eine bleierne Müdigkeit. Selbst Urlaube brachten keine Entspannung mehr.

Nachdem organische Untersuchungen ohne Ergebnis geblieben waren, landete er bei einem Arzt für Psychosomatik. Als der das Wort Burn-out in den Mund nahm, „war das wie eine Erleichterung. Endlich wusste ich, was für mein katastrophales Gefühl verantwortlich war. Ich dachte: Das lasse ich behandeln und dann kann ich das Skispringen wieder genießen“.

Zwei Monate verbrachte er in einer Klinik im Allgäu. Zu Beginn ließ er sich sogar das Essen aufs Zimmer bringen, so erschöpft war er. Weil er zudem fürchtete, durch seine Bekanntheit könnte Privates nach außen dringen, entschied er sich zu einer Einzeltherapie. In den vielen Gesprächen mit seiner Therapeutin lernte er sich selbst neu kennen. „Da merkte ich erst, wie viel ich davor alleine gewesen war.“ Irgendwann dann erste Zeichen der Besserung: „Ich hatte plötzlich Lust, mich zu den anderen in den Speisesaal zu setzen; wollte wieder spazieren gehen.“ Für ihn eine kleine Sensation: Der Körper hatte selbstständig die Kraft entwickelt, etwas unternehmen zu wollen. „Davor habe ich ihm jahrelang nur Befehle gegeben.“

Mit der neuen Energie kam auch die Lust aufs Skispringen zurück. Hannawald begann mit den Vorbereitungen, doch als es zum Krafttraining ging, überkam ihn wieder diese innere Unruhe. „Da wusste ich, das war’s.“ Am 3. August 2005 beendete er seine Karriere. Ein tiefer Einschnitt: Mit gerade einmal 30 Jahren schien seine berufliche Laufbahn bereits hinter ihm zu liegen. „Keine Aufgabe zu haben, hat mich todunglücklich gemacht.“ Über Umwege landete er schließlich beim Motorsport. Er fuhr Autorennen, das gab ihm Auftrieb. Doch auch da kam schnell wieder der alte Ehrgeiz durch.

Beim Aufstieg lohnt sich der Blick zurück. Die meisten vergessen, was hinter ihnen liegt.

Sven Hannawald

Inzwischen weiß er: Um sich neue Strukturen anzugewöhnen, braucht es Zeit und Vertrauen. „Wichtig ist, dass man wieder die Kontrolle über sich selbst findet.“ Es gehe weniger darum, sich fundamental zu verändern, sondern darum, dass Körper und Geist im Einklang sind. Seinen Ehrgeiz hat er bis heute nicht verloren: „Ich habe eine Zeit lang versucht, nur 80 Prozent zu geben, aber damit fühle ich mich nicht wohl. Was ich mache, will ich richtig machen.“ Im Gegensatz zu früher aber habe er gelernt, mit seinen Kräften besser hauszuhalten. Er nimmt nicht zu viele Aufgaben auf einmal an und nach Anspannungsphasen gönnt er sich Ruhe und Erholung.

Von seinen vielfältigen Erfahrungen können mittlerweile auch andere profitieren. Hannawald hat nicht nur eine Autobiografie geschrieben und ist im Winter für Eurosport als Skisprungexperte im Einsatz; gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Sven Ehricht hat er 2016 eine Unternehmensberatung mit den Schwerpunkten Corporate Health und Sportsponsoring gegründet. Denn war Burn-out Anfang der Nullerjahre noch erklärungsbedürftig und in der öffentlichen Debatte eine Randerscheinung, haben die Diagnosen von psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren stark zugenommen – laut BKK Gesundheitsreport 2018 haben sich die Fehltage aufgrund von psychischen Störungen in der vergangenen Dekade (2007–2017) mehr als verdoppelt. Damit sind sie die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Und es sind keineswegs nur Spitzenathleten oder Topmanager, die erkranken; im Prinzip kann es jeden treffen. Hannawald geht es deswegen vornehmlich um Prävention. Unter dem Motto Mut zur Pause hält er Vorträge und Business¬Talks über Leistungsdruck, Stressmanagement und das Zusammenspiel von mentaler Be- und Entlastung. „Dabei verwende ich gerne das Bild von einer Waage mit zwei Schälchen, die man ausgleichen muss. Wenn ich die eine Seite stark belaste, muss ich entsprechend viel auf die andere Schale packen, damit ein Gleichgewicht entsteht.“

Will heißen: Unternehmen, die von ihren Mitarbeitenden viel fordern, müssen auch gezielt Möglichkeiten zur Entspannung schaffen: „Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut und keine Computer, denen man problemlos eine neue Festplatte oder einen größeren Arbeitsspeicher einsetzen kann. Wer übertreibt, läuft gegen die Wand.“

Besonders gerne führt Hannawald seine Kunden an seine alte Wirkungsstätte: die Skischanze – für ihn symbolisch eine Karriereleiter. Auf dem Weg nach oben würden die TeilnehmerInnen nicht nur ihre eigenen Belastungsgrenzen kennenlernen, sondern auch die Notwendigkeit von Pausen begreifen, damit die Energie für den ganzen Weg reicht. „Beim Aufstieg lohnt sich der Blick zurück. Die meisten vergessen, was hinter ihnen liegt.“

Hannawald selbst wird wohl nie vergessen, was hinter ihm liegt. Deswegen freut er sich umso mehr an der Gegenwart. Gerade hat der dreifache Vater für seine Familie ein Haus gebaut. Auch das habe zwar bisweilen Nerven gekostet, erzählt er. Doch die Mühe zahle sich aus: Nun lockt ein gemeinsamer Rückzugsort, „in dem die ganze Familie hoffentlich viel Kraft und Energie tanken wird“. Man spürt: Die Schalen auf Hannawalds Waage sind ausgeglichen.