„Krisenbewältigung kann man lernen“

Die aktuelle Situation stellt die psychische Balance vieler Menschen auf die Probe. Gleichzeitig zeigt sich: Die Mehrheit der Menschen ist erstaunlich resilient in Krisensituationen. Wie man die psychische Widerstandsfähigkeit trainieren kann und was Unternehmen jetzt für ihre Belegschaften tun sollten, erklärt Resilienzforscher Prof. Dr. Klaus Lieb im Interview.

Herr Lieb, Sie forschen zum Thema Resilienz, also über unsere „psychischen Abwehrkräfte“. Was wissen Sie darüber, wie wir in der Krise widerstandsfähig bleiben?

Zunächst einmal: Die jetzige Situation ist außergewöhnlich und ein Stresstest für uns alle. Deshalb gibt es die naheliegende Annahme, dass viele Menschen nun aus der psychischen Balance geworfen werden. Allerdings verstellt das den Blick darauf, dass die breite Mehrheit der Menschen in der Regel mit Stresssituationen gut umgehen kann. Ein resilienter Mensch wird jetzt keine großen Auffälligkeiten zeigen – und der resiliente Verlauf ist die Regel. Wir schätzen, dass mehr als 80 Prozent der Menschen grundsätzlich die Fähigkeit haben, in Krisen stabil zu bleiben. Auch wenn wir noch nicht genau wissen, was sie stabil hält. Hierfür ist die Datenlage noch zu gering. Aber es gibt erste Hinweise, wonach vor allem eine positive Neubewertung der Situation hilft. Dazu gehört z. B., die Chancen für sich als auch für die Gesellschaft zu sehen, die in der aktuellen Krise liegen.

Untersuchungen zeigen, dass gerade Menschen mit Krisenerfahrungen erstaunlich gut durch die aktuelle Situation kommen. Wie erklären Sie das?

Das liegt an den erworbenen Ressourcen. Wir wissen, dass Menschen eher resilient sind, wenn sie im Leben schon größere Krisen überstanden haben. Denn wer einmal eine Ausnahmesituation erfolgreich bewältigt hat, kann von diesem Wissen zehren. Der Blick auf solche früheren Erfahrungen hilft jetzt. Deshalb empfehlen wir auch, sich diese Ressourcen zu vergegenwärtigen. Wenn es z. B. darum geht, eine Quarantäne auszuhalten, kann die Erinnerung helfen, dass man es auch nach einer Trennung ausgehalten hat, allein zu sein. Umgekehrt wissen wir aber auch: Wer an früheren Krisen „gescheitert“ ist, hat es jetzt vermutlich schwerer.

Kann man Resilienz denn trainieren?

Grundsätzlich ist Resilienz nicht statisch und einem einfach nur in die Wiege gelegt, sondern dynamisch im Laufe des Lebens und damit auch grundsätzlich lern- und trainierbar. Wir kennen inzwischen viele Faktoren, die mit resilienten Verläufen korrelieren. Wichtig ist z.B. zu erkennen, dass man keiner Krise nur ausgeliefert ist. Es lässt sich immer direkt etwas tun. Dieses aktive Coping anstelle von Grübeln und Bedauern trägt dabei, Krisen zu akzeptieren, zu gestalten und damit zu bewältigen. Auf unserer Website lir-mainz.de haben wir hilfreiche Informationen für einen resilienten Umgang in der Corona-Pandemie zusammengestellt. Darunter sind auch zehn Tipps zur Stärkung der psychischen Gesundheit, die wir in mehreren Sprachen anbieten, sowie ein Onlinetraining zur Stärkung der Stressresilienz.

Woran merkt man, dass man resilient ist?

Resilient zu sein, heißt nicht, dass man ständig glücklich ist. Der resiliente Mensch geht nicht immer fröhlich durchs Leben, sondern zeigt natürlich auch Stressreaktionen. Er erlebt wie alle anderen auch verschiedene emotionale Zustände und Phasen. Aber: Er ist in der Lage, sich von negativen Emotionen nicht komplett vereinnahmen zu lassen. Hierzu tragen drei wesentliche Eigenschaften bei: Eine kognitive Flexibilität ermöglicht es resilienten Menschen, im Negativen auch das Positive sehen, z. B. die Chance in der Krise. Hinzu kommt ein realistischer Optimismus, der es erlaubt, ohne rosarote Brille auf die Dinge zu blicken und sich von z. B. von falschen Erwartungen zu trennen. Durch das Erzeugen von positiven Emotionen wiederum können resiliente Menschen sich selbst etwas Gutes tun, Stichwort Selbstfürsorge. Kurzum: Resilient ist, wer bei psychischen Belastungen wieder schnell in den Normalzustand kommt.

Blicken wir auf die Unternehmen: Was können diese im Moment tun, damit die Beschäftigten möglichst resilient sind?

Dazu gehört für mich zunächst eine gute Informations- und Kommunikationspolitik. Betriebe sollten ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erklären, was die aktuelle Situation für das Unternehmen bedeutet. Sie sollten transparent sein, wenn sie etwas nicht wissen oder einen festgelegten Fahrplan nicht einhalten können. Und sie sollten den Beschäftigten möglichst Perspektiven bieten, um mit ihren Entlassungsbefürchtungen umzugehen. Daneben ist es wichtig, dass Unternehmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Home-Office begleiten und unterstützen. Das heißt auch aktiv zu schauen, wie es ihnen im Home-Office geht. Denn nicht wenige Menschen haben Schwierigkeiten mit der neuen Situation. Hier gilt es, Kontakt zu halten und Stabilisierung für die Mitarbeitenden zu sein. Zu guter Letzt braucht es meines Erachtens Investitionen in gesunde Führung. Damit sich Unternehmen so aufstellen, dass sie auch in künftigen Stresssituationen optimal reagieren können. Denn die Corona-Pandemie wird ja nicht die letzte Krise sein.

Und was muss die Politik tun?

Extrem wichtig sind die finanziellen Hilfen des Staates und dass diese bei den Menschen ankommen, die jetzt von Arbeitslosigkeit und finanziellen Einbußen betroffen sind. So kann man die Betroffenen auch psychisch stabilisieren. Denn die Finanzkrise von 2008 hat gezeigt, dass die Suizidraten um bis zu fünf Prozent angestiegen sind. Trotz aller Resilienz gilt eben auch: Wenn die Belastung zu groß ist, können Menschen unter ihr auch zusammenbrechen. Dann brauchen sie professionelle Hilfe.

Danke für das Gespräch!

Prof. Dr. Klaus Lieb ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR) sowie Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz.

In verschiedenen Befragungen erhebt das LIR derzeit die psychologischen Reaktionen während der Coronavirus-Pandemie, darunter eine Befragung der Allgemeinbevölkerung und eine Befragung von Ärztinnen und Ärzten, Pflege- und Rettungspersonal. Gern können Sie teilnehmen und die Befragungen weiterempfehlen.