„Das Wohlbefinden der Beschäftigten ist stabil“

Die Corona-Krise, so die allgemeine Erwartung, beeinträchtigt die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz. Doch Befragungen zeigen, dass die Beschäftigten im Durchschnitt mental stabil sind und auch ihren Unternehmen gute Noten geben. Public Health-Experte Prof. Dr. Joachim Fischer gibt Einblicke in überraschende Ergebnisse.

Herr Fischer, Sie haben eine repräsentative Befragung durchgeführt. Wie wirkt sich die aktuelle Krise mental auf die Beschäftigten aus?

Zum Verständnis ein kurzer Blick auf die Vorgeschichte: Schon im letzten Herbst, also vor der Pandemie, hatten wir 5.000 Beschäftigte zu den Arbeitsbedingungen und ihrer psychischen Gesundheit befragt. Dabei handelte es sich um eine repräsentative deutschlandweite Stichprobe über alle Wirtschaftszweige, jedes Alter und Geschlecht hinweg. Die gleichen Personen haben wir mit ein paar zusätzlichen Fragen zur Bewältigung der Corona-Krise im März – nach fünf Wochen im ersten Lockdown und nun im November kurz nach Beginn des zweiten Lockdowns noch einmal befragt. Dieses Mal haben wir insgesamt 5000 Personen befragt, davon haben 1800 bereits im September 2019, im April 2020 und jetzt erneut teilgenommen. Das heißt, die Ergebnisse sind aussagekräftig. Gemessen haben wir in dieser Befragung wie auch schon in der vorangegangenen mit dem offiziellen WHO-Fragebogen zum Wohlbefinden.

Die erste Befragung im April hatte uns sehr überrascht: Das psychische Wohlbefinden hatte sich im Durchschnitt nicht verändert. Nun, nach 9 Monaten mit der Pandemie zeigen sich die ersten Veränderungen. Zwar sind die Mittelwerte über 5000 Personen fast identisch wie vor gut einem Jahr. Bei denen, die an allen drei Umfragen teilgenommen haben, zeigen sich Bremsspuren: Jede siebte Person, d.h. 14.5 % der Befragten berichteten über eine relevante Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens. Doch auch hier: Einer von elf Personen, d.h. 9.1 % geht es aber auch psychisch relevant besser als 2019.

Wie erklären Sie sich diese Ergebnisse?

Zuerst haben wir gedacht: Das kann kaum sein. Weil wir aber 1800 Personen dreimal befragt hatten, einmal vor der Krise und einmal im ersten Lockdown und einmal jetzt währenddessen, konnten wir für jede von ihnen die Veränderung messen. Unsere Zahlen zeigen: Nach einem Jahr hat sich für ein Viertel der Befragten das im psychische Wohlbefinden bedeutsam verändert, bei drei Viertel bleibt es mehr oder weniger unverändert. Einer von sieben Personen geht es wirklich schlechter und etwa einer von elf wirklich besser. Im Mittelwert ist die Verschlechterung sehr gering. Das heißt also, dass die Pandemie im Einzelfall sehr wohl Auswirkungen auf das Wohlbefinden hat, aber in der Gesamtheit bleibt es noch stabil.

Welche Faktoren fördern denn das Wohlbefinden?

Hier sind zwei Ergebnisse interessant. Erstens: Ein hoher Schutzfaktor für die psychische Gesundheit ist unverändert, wenn die Beschäftigten sich gerade jetzt mit ihrer Arbeit identifizieren können. Das heißt, wenn sie sich begeistern können, Freude an der Arbeit haben und sie als sinnvoll erachten. Hilfreich ist auch das Gefühl von sicherem Arbeitsplatz und unterstützender Führung – aber zusammen das nur die Hälfte aus. Und natürlich, wer sich körperlich besser fühlt, weniger erschöpft ist und seine/ ihre Arbeitsfähigkeit besser einschätzt als vor einem Jahr, dem/ der geht es auch psychisch besser. Das zahlt etwa alles gleich stark ein wie die Freude und Sinnhaftigkeit.

Erstaunlich aber war für uns noch etwas Weiteres: Von allen arbeitsbedingten Faktoren gehen eine transparentere Unternehmensführung, also, dass das Ausmaß der Verbesserung in der Krise und das Ausmaß der Verbesserung der Wertschätzung einher mit besserer psychischer Gesundheit. Mit anderen Worten: Unternehmen, die sich in der jetzigen Situation bemüht haben, transparenter zu werden und wertschätzender mit den Beschäftigten umzugehen, stärken das Wohlbefinden. Der Schutzeffekt ist zusammen genommen so stark wie die Freude bei der Arbeit.

Abseits vom Wohlbefinden: Wie bewerten die Beschäftigten ihre aktuelle Situation?

Viele Ergebnisse waren erwartbar und werden durch unsere Daten bestätigt: So geben die Befragten im Durchschnitt an, dass die gesundheitsbedingten Leistungsbeeinträchtigungen geringer geworden sind, während die gefühlte Arbeitsplatzsicherheit etwas gesunken ist. Im Vergleich zum April ist die Arbeit mehr geworden. Auch nicht überraschend: Die Sehnsucht nach dem Ende der Beschränkungen steigt: Inzwischen sehnen sich fast drei Viertel der befragten Beschäftigten nach einer Aufhebung der Beschränkungen. Insgesamt sind die indifferenten Antworten zurückgegangen und die Ansichten werden polarer. Weiterhin geben 60 Prozent an, dass sie die Einschränkung der persönlichen Kontakte bedrückt. Immerhin: die persönlichen Beziehungen scheinen stabil zu sein: Noch immerhin 60 % geben an, dass die aktuelle Situation ihre Beziehung oder Ehe nicht belastet – hier hatten wir mehr Herausforderungen erwartet.

Und wie blicken die Beschäftigten auf den Umgang der Unternehmen mit der Krise?

Schon bei den Ergebnissen im März hat sich gezeigt, dass die Beschäftigten Ihren Arbeitgebern ziemlich gute Noten ausstellen. Zwei Drittel sind der Meinung, dass ihr Arbeitgeber sie vorbildlich unterstützt und sehr gut über den Umgang mit der Situation informiert. Deutschland bewältigt die Corona-Krise also offenbar nicht nur im medizinischen Bereich außerordentlich gut, wie ja der internationale Vergleich zeigt, sondern auch in den Unternehmen. Allerdings: deutlich weniger Beschäftigte, 28 % geben im November an, dass sich ihr Arbeitgeber über das Unternehmen hinaus für die Bewältigung der Pandemie einsetzt. Im März waren es noch 43 %. Diese abnehmende Tendenz zeigt sich auch bei der Einschätzung des „Wir-Gefühls“, dass noch im März 50 % der Befragten als stärkend erlebt hat. Im November erleben das nur noch 26 % der Beschäftigten so. Das ist ein Ergebnis, dass die Unternehmen ernst nehmen sollten, denn das „Wir-Gefühl“ ist ein bedeutender Faktor für die Bewältigung.

Wie ordnen Sie die Veränderungen ein?

Wir wissen aus der Stressforschung: Menschen sind in der Lage, bei akuten Gefahren sonst nicht zugängliche Reserven zu mobilisieren, allerdings nur für eine gewisse Zeit. In den Ergebnissen sehen wir nun deutliche und auch verständliche Ermüdungserscheinungen. Das ist wie bei einem Marathon: Eine Weile kann man an seine Grenzen gehen, aber irgendwann sind die Ressourcen erschöpft. Gefühlt haben wir jetzt alle einen Marathon hinter uns und noch immer ist kein klares Ende in Sicht.

Wie können die Menschen ihre Ressourcen jetzt stärken und Hoffnung zurückerhalten?

Unternehmen sind jetzt gut beraten, in das „Wir Gefühl“ ihrer Beschäftigten zu investieren. Das wird jetzt vor Weihnachten auch geschehen. Wir lassen das Jahr Revue passieren und sollten den Fokus darauf richten, was wir alles gemeinsam geschafft haben und wie es im neuen Jahr weitergehen wird. Um Durchzuhalten brauchen wir das Bild einer Zukunft, die wir mitgestalten können. Die anhaltende Unsicherheit wird auch weiterhin an unseren Nerven zehren.

Was raten Sie Unternehmen in dieser Situation?

Bleiben Sie am Puls Ihrer Beschäftigten. Dabei helfen Befragungen, wie zum Beispiel das psyGA-Benchmark und Analysetool. Durch wiederholte Befragungen gewinnen Unternehmen aussagekräftige Ergebnisse über das Befinden in der Belegschaft und erhalten wichtige Hinweise, wo sie gegensteuern können. Auch signalisieren Sie damit an Ihre Leute: Ihr seid uns wichtig! Wir wollen wissen, wie es unseren Mitarbeitenden geht. Selbst wenn sich nicht gleich etwas verändern lässt, wird so der Zusammenhalt gestärkt und sei es „nur“ durch die Aussage: Wir sitzen alle im gleichen Boot.

Wie können Unternehmen an das Tool kommen?

Das Tool steht hier So funktioniert das psyGA-Anlaysetool - psyga.info kostenfrei zur Verfügung. Wer sonst Fragen dazu hat oder sich für das Tool interessiert, sollte einfach Kontakt zu uns aufnehmen. Wichtig ist mir zum Abschluss zu sagen: Es handelt sich um ein präzises Instrument. Wer sich die Mitarbeitergesundheit anschaut, sollte dann auch bereit sein, die Schritte zu gehen, die sich daraus ergeben.

Herr Fischer, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Prof. Dr. Joachim Fischer ist Direktor des Mannheimer Instituts für Public Health der Medizinischen Fakultät Mannheim an der Universität Heidelberg sowie Gründer und wissenschaftlicher Berater der HealthVision GmbH, einem Kooperationspartner von psyGA.