Nur echte Hilfe zählt

Interview mit Christian Schwakenberg, Verantwortlicher BEM, Essener Verkehrs-AG

Herr Schwakenberg, warum hat das BEM bei der Essener Verkehrs-AG einen so hohen Stellenwert?

CS: Wir sind ein Verkehrsunternehmen. Unsere Mitarbeiter arbeiten überwiegend im klassischen Fahrdienst als Bus­ bzw. Straßenbahnfahrer, sind in Werkstätten im infrastrukturell­technischen Bereich tätig, beispielsweise bei der  Wartung von Fahrzeugen und U­Bahnhöfen, oder auch im Verwaltungsbereich. Es ist ja bekannt, dass Fahrer unter schwierigen Arbeitsbedingungen arbeiten. Der Beruf ist körperlich sehr anstrengend und die Fahrer tragen  eine hohe Verantwortung für ihre Fahrgäste. Sobald sie sich nicht wirklich fit fühlen, sollten sie keine Fahrt  antreten. Deshalb haben wir eine recht niedrige Schwelle für den Krankenstand, er ist bei uns, wie branchenüblich, insgesamt signifikant höher.

Viele unserer Fahrer sind seit 25 bis 30 Jahren im Unternehmen. Aufgrund des zunehmend höheren Durchschnittsalters der Fahrer und durch längere Fehlzeiten ist in den letzten Jahren die Zahl der BEM-Berechtigten gestiegen.

Wo liegt die besondere Qualität des BEM in Ihrem Unternehmen?

CS: Da es erklärtes Ziel des Unternehmens ist, jedem Berechtigten auch ein BEM anzubieten, wurde unser Team  mittlerweile auf vier Personen aufgestockt. Nach längerer Ausfallzeit oder bei chronischen Krankheiten sind wir mit der Frage konfrontiert, ob jemand dienstuntauglich wird, ob er alternativ eingesetzt werden kann oder ob wir an den Arbeitsbedingungen etwas ändern können. Wir bemühen uns, die Ausfallzeiten zu reduzieren und präventiv zu wirken. Mittlerweile verfügen wir über einen erheblichen Erfahrungsschatz in der Zusammenarbeit mit Berufsgenossenschaften, Reha­Trägern und anderen Unterstützern. Und wir versuchen, ehrlich zu helfen und für jeden die bestmögliche Hilfe zu finden.

Unsere Hilfen sind genauso facettenreich wie die Ursachen einer Krankheit. Es sind meist Einzelfälle, die individuelle Lösungen erfordern.

Sie versuchen, allen ein BEM anzubieten, die länger als sechs Wochen krank sind. Wird das auch von allen angenommen?

CS: Wir schreiben bis zu vier Briefe und weisen darin auf unsere Gesprächsbereitschaft hin. Die meisten Mitarbeiter nehmen dieses Angebot gerne an, da sie über ihre Situation und die Entwicklungsmöglichkeiten sprechen möchten. Wir setzen eine Stunde für ein Gespräch an. Die Erkrankten können bestimmen, wer am Gespräch teilnimmt. Sehr häufig führen wir die Gespräche unter vier Augen. Auf Wunsch des Erkrankten kann aber auch ein Vertreter des Betriebsrats, der Betriebsarzt, ein Vertreter der Schwerbehindertenvertretung oder aber der Ehepartner am Gespräch teilnehmen. Die Akzeptanz für ein BEM ist also insgesamt sehr hoch, sie liegt bei uns bei über 90 Prozent.

Haben Sie standardisierte Lösungen oder finden Sie individuelle Wege?

CS: Unsere Hilfen sind genauso facettenreich wie die Ursachen einer Krankheit. Beispielsweise litt ein Kollege länger  an Schlaflosigkeit. Sein Arzt empfahl ihm, regelmäßige Zeiten für die Nachtruhe einzuhalten. Das ist aber nur  möglich, wenn der Dienstanfang gleichbleibend ist. Es gelang uns, einen Dienstplan mit immer gleichen Anfangszeiten für ihn zu erstellen. Damit halfen wir ihm, die Schlaflosigkeit in den Griff zu bekommen und wieder arbeits­ und leistungsfähig zu sein. Ein anderer Kollege hatte wegen eines doppelten Bandscheibenvorfalls fast  täglich Schmerzen. Im Gespräch überlegten wir gemeinsam, wie man die  Belastungszeiten  verkürzen  konnte. Auch hier fanden wir gemeinsam einen Weg: Heute fährt der Kollege in geteilten Schichten, das heißt, nach vier Stunden Fahrdienst hat er eine Regenerationsphase, bevor er die zweite Schicht fährt. So kann er weiter seinen Beruf ausüben. Sie sehen, es sind meist Einzelfälle, die individuelle Lösungen erfordern. So kümmern wir uns auch mal um einen Termin für ein MRT oder vermitteln einem Menschen mit psychischen Problemen einen Therapieplatz.

Welchen Tipp würden Sie der Personalleitung eines kleineren oder mittleren Unternehmens mitgeben, die ein BEM auf den Weg bringen möchte?

CS: Sie sollte sich vorher unbedingt klarmachen, welches Ziel sie mit einem BEM verfolgen möchte. Denn ein BEM macht nur Sinn, wenn das Unternehmen echte Unterstützung bieten kann. Das spüren die Menschen. Je mehr sie sich ehrlich unterstützt fühlen, desto offener gehen sie mit ihrer Situation um. Je formalisierter der Prozess ist, desto weniger Erfolg werden Sie haben. Wie man diesen Prozess letztendlich aufsetzt, ist variabel. Entscheidend ist die ehrliche und unterstützende Funktion, Sie müssen wirklich helfen wollen. Das entscheidet über Erfolg oder Misserfolg.