„Mit herausfordernden Situationen kennen wir uns aus“

In Kooperation mit dem Projekt psyGA entwickelt die Metropolregion Rhein-Neckar seit zwei Jahren ein Programm zur psychologischen Beratung von Mitarbeitenden in KMU. Was es damit auf sich hat und wie das Programm in der aktuellen Situation helfen kann, beantwortet Geschäftsführerin Petra Kruppenbacher im Interview.

Sie haben ein sogenanntes Mitarbeiterunterstützungsprogramm für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in der Metropolregion Rhein Neckar mitgegründet. Was genau ist das?

Beschäftigte in vielen größeren Unternehmen kennen das schon: Über ein Mitarbeiterunterstützungsprogramm – oder auf Englisch „Employee Assistance Program“ – können sie eine niederschwellige, persönliche Unterstützung in Anspruch nehmen, wenn sie Probleme haben. Das Programm hilft, Herausforderungen schon dann zu erkennen und zu lösen, wenn sie oftmals noch keine großen Probleme sind. Das hilft den Menschen konkret, hält sie gesund und resilient. Der Verband Region Rhein-Neckar beschäftigt sich gemeinsam mit dem Projekt psyGA mit der Frage, wie ein solches Angebot auch den kleineren und mittleren Unternehmen und deren Mitarbeitenden zugutekommen kann. Die Antwort ist ein gemeinnütziger Verein, getragen von der Metropolregion Rhein-Neckar, Wirtschaftsverbänden, Krankenkassen und der Landesgruppe Baden-Württemberg des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Es geht darum, in einem starken Netzwerk zusammen zu arbeiten, hohe Qualität in den Beratungsleistungen sicher zu stellen und einfache Zugangswege zu entwickeln. Dabei helfen niedrige Mitgliedsbeiträge. Das Angebot stärkt damit die Menschen und Unternehmen in der Region. 

Wie spüren Sie die „Corona-Krise“ im Projekt?

Wir haben am 19.3. entschieden unsere MUP-Hotline bis einschließlich 31.07. dieses Jahres für alle Unternehmen hier in der Region kostenlos zur Verfügung zur stellen. Die Resonanz darauf zeigt uns, dass wir damit eine sinnvolle und notwendige Aufgabe erfüllen. Mittlerweile beteiligen sich viele Unternehmen mit insgesamt über 12.000 Mitarbeiter an der Aktion. Viele positive Rückmeldungen seitens der Unternehmen belohnen uns für den Aufwand. Intern erleben wir aktuell zweierlei: Auf der einen Seite können die Unternehmen und damit auch ihre Beschäftigten, die schon Mitglied geworden sind, sofort auf eine professionelle kurzfristige Beratung zugreifen. Das trägt enorm dazu bei, unser Programm zu etablieren und betroffene Mitarbeitende zu unterstützen. Auf der anderen Seite mussten wir alle Veranstaltungen und Termine absagen, die unser Mitarbeiterunterstützungsprogramm weiter bekannt gemacht hätten. Zudem haben viele Unternehmen und Verwaltungen momentan vielschichtige Krisenentscheidungen zu treffen, das bindet oft alle Kapazitäten.

Wie reagieren Sie jetzt?

Unser Ziel ist es, Beschäftigten und Arbeitgebern zu helfen. Wir sind uns sicher, dass in der aktuellen Situation viele unter Stress und Belastung leiden. Hier wollen wir zur Seite stehen. Wir haben den Unternehmen, Verwaltungen und anderen Arbeitgebern in der Rhein-Neckar-Region daher angeboten, dass sie unsere Leistungen in dieser Krisenzeit kostenfrei nutzen können. Unsere Botschaft: Wir sind keine „Corona-Hotline“, aber mit herausfordernden Situationen kennen wir uns aus – wir sind für Sie da! 

Was bewegt die Menschen in der Region zurzeit, die sich an Sie wenden?

In erster Linie sprechen die Menschen über ihre Ängste, die meist sehr vielschichtig sind. Oft ist es eine Mischung aus Orientierungslosigkeit in Bezug auf die Zukunft, wie sich alles entwickeln wird. Aber auch konkrete Ängste wie Arbeitsplatzverlust oder Kurzarbeit sind Themen. Viele erleben sich hilflos und alleine gelassen, da alle erst lernen müssen, mit dieser noch nie dagewesenen Situation umzugehen. Es kommen aber auch Themen wie Überforderungstendenzen auf, z. B. die Dauerbelastung, von zu Hause zu arbeiten, aber auch Kinder zu betreuen. Ein weiterer Kreis sind die Pflegekräfte in Krankenhäusern. Diese leiden vor allem unter der großen Verantwortung, die ihnen gerade abverlangt wird, und der hohen Arbeitsbelastung.

Und auf Unternehmensseite?

Da erleben wir eine große Besonnenheit – trotz allem. Die Unternehmen sind im Moment insbesondere damit beschäftigt, die strategischen Dinge auf den Weg zu bringen. Hier unterstützen wir dahingehend, dass sie dabei auch ihre Verantwortung ihrer Belegschaft gegenüber wahrnehmen. Dazu gehört, sich z. B. nicht nur auf die Unternehmensleitung zu beschränken, sondern gerade jetzt einen intensiven Kontakt zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu pflegen und sich nahbar und menschlich zu zeigen. Auch den Führungskräften wird derzeit viel abverlangt. Führung bedeutet jetzt, sowohl die Mitarbeitenden und ihre Bedürfnisse zu sehen und gleichzeitig einen unbekannten gemeinsamen Weg zu beschreiben, dafür die Aufgaben zu verteilen und zu begleiten. Hier sind wir Sparringspartner.

Was hilft verunsicherten Unternehmen und Beschäftigten in dieser Zeit?

Das Ernstnehmen und Teilen der Sorgen und Ängste ist wichtig. Durch die Begleitung unserer Beraterinnen und Berater können sich die Betroffenen wieder sammeln und selbstwirksam werden. Der erste Schritt aus der Verunsicherung ist, die eigenen Ressourcen wahrzunehmen, um dann im zweiten Schritt Handlungsoptionen zu entwickeln. Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell Menschen in einem wertschätzenden Umfeld Kraft schöpfen und sinnvolle, zielführende Ideen entwickeln und dann auch umsetzen. Was außerdem förderlich ist: Unsere Region lebt seit Jahrzehnten ein enges Miteinander, das zeigt sich auch aktuell sehr deutlich. Auf allen Ebenen ist ein starker gesellschaftlicher Zusammenhalt spürbar. 

Zum Schluss ein persönlicher Blick: Wie gehen Sie selbst mit der Krise um? Was hilft Ihnen?

Wir helfen nicht nur unseren Mitmenschen, sondern wir befolgen unsere Ratschläge auch selbst. Da sind wir ganz authentisch. Kontakt zu Familie und Freundinnen und Freunden, kurze Auszeiten mit einem Buch, Sport, ein Spaziergang durch den Wald, aber auch das gemeinsame Lachen, persönlich oder via Web, haben eine unglaublich ausgleichende Wirkung. Zudem sehen wir, wie viele Menschen anpacken, Gemeinschaft leben und uns positive Gedanken schenken. Das gibt Kraft für die Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Petra Kruppenbacher ist Geschäftsführerin und Beratungsleiterin des im Oktober 2019 gegründeten Vereins Mitarbeiterunterstützungsprogramm (MUP) Rhein-Neckar e.V.