„Das größte Problem ist die Angst vor der Perspektive“

Viele Selbständige trifft die Coronakrise besonders hart. Im Interview erklärt der selbständige Gesundheitsberater Marc Lenze, was die derzeit drängendsten Probleme sind, welche Handlungsmöglichkeiten es gibt und wie Selbständige in dieser Zeit für ihre psychische Gesundheit sorgen können.

In Kooperation mit psyGA unterstützen Sie Selbstständige beim Thema psychische Gesundheit. Wie steht es um sie?

Auch wenn die Gruppe der Selbständigen sehr heterogen ist: Schon vor der Coronakrise gaben sie auf einer Skala von 0 bis 10 zur Wahrnehmung des eigenen Stresses einen Wert von 7 an, Soloselbständige etwas weniger. Das dürfte sich nun noch einmal deutlich erhöht haben. Allen gemeinsam ist der Stressfaktor bürokratische Hürden, z. B. die Datenschutzvorgaben oder die Dokumentationspflichten gegenüber den Finanzbehörden. Unbürokratische Unterstützung in der jetzigen Situation kommt da gut an. Ein bedeutender Stressor, der im Moment sehr verstärkt wird, sind sicherlich für viele die schwankenden Einkünfte – vor allem wer Verantwortung für Familie und Beschäftigte trägt. Bei älteren Selbständigen kann noch die Angst vor Altersarmut hinzukommen. Hohe Arbeitslast und geringe Zeit für Erholung, die normalerweise auch starke Stressoren sind, drehen sich bei einigen derzeit vielleicht um. Viele versuchen jedoch gerade unter Hochdruck, die Situation zu meistern. Ein wenig anmaßend ist deshalb so manche Aussage, jetzt hätte man doch mehr Zeit für Familie und Freizeit. Natürlich liebe ich auch meine Familie, aber Arbeit und Aufträge, Kolleginnen und Kollegen sind ein zentraler Punkt in der Tagesstruktur. Das fehlt und das stresst. Hier fehlt mir in der Berichterstattung die Wertschätzung von Arbeit.

Was stresst Selbstständige derzeit am meisten?

Die Angst vor der Perspektive, die finanzielle Prognose. Ich kann von mir selber sagen: Wir haben eine ganz gute Ausgangssituation. Aber natürlich sind wir stark abhängig von der wirtschaftlichen Situation unserer Kundinnen und Kunden. Neue Kunden zu gewinnen, braucht Zeit. Die Verluste, die wir jetzt machen, werden uns eine ganz Weile begleiten. 

Was hilft Solo-Selbstständigen in der Coronakrise? Kommen die staatlichen Hilfen bereits an?

Bund und Länder stecken derzeit wirklich viel Energie in die Bewältigung der Krise – sowohl in medizinischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Ich bin froh, dass es jetzt Förderprogramme für kleinere Selbständige gibt. Die Soforthilfen kommen grundsätzlich positiv an. Die Anträge werden schnell bearbeitet, das ist sehr hilfreich. Doch das überbrückt nur die ersten Probleme, langfristig sind sie keine Perspektive für den Gewinnausfall. Die Sofortprogramme im Kreditbereich sind dagegen aus zwei Brillen zu sehen: Für große Unternehmen sind Kredite sicherlich eine Möglichkeit. Für Selbständige aber, gerade etwas ältere wie mich, ist das deutlich schwieriger. Wenn ältere Selbständige einen Kredit von z. B. 100.000 Euro aufnehmen, kann neben den schon vorhandenen Krediten (deren Tilgung jetzt vielleicht nebst Steuerstundungen ausgesetzt sind) die Belastung nach der Krise zu groß werden. Es besteht die Gefahr einer verspäteten Insolvenz oder dass Kredite bis zum Eintritt in eine Rente nicht mehr zurückgezahlt werden können. Für uns heißt das klar, dass wir uns sehr stark darum bemühen, keine neuen Kredite aufzunehmen. 

Die Informationen zu Unterstützungsprogrammen durch den Staat überschlagen sich. Wie behalten Sie den Überblick, wo informieren Sie sich?

Wichtig ist, sich möglichst nur über offizielle Seiten zu informieren. Ich nutze die Seiten der Bundesregierung. Des Weiteren empfehle ich die Informationen des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft. Hier helfen vor allem die Hinweise von lokalen Akteurinnen und Akteuren, die zum Teil sehr gute Informationen mit lokalen Bezügen herausgeben. Auch die Krankenkassen halten hilfreiche Informationen vor. Social Media versuche ich zwar zu scannen, aber nicht allzu ernst zu nehmen. 

In der Krise können sich Stressoren verstärken. Wie können Selbstständige in dieser Zeit psychisch gut für sich sorgen? 

Der wichtigste Punkt ist, dass wir uns mit der neuen Situation arrangieren und uns klar machen „Es ist jetzt erstmal so“. Akzeptanz ist die Voraussetzung für die Bewältigung. Das ist schmerzhaft und dauert auch. Danach sollte die Konzentration auf den Handlungsmöglichkeiten liegen. Dazu gehört, die eigene finanzielle Lage: Welche Mittel habe ich wie lange? Welche Unterstützungen gibt es und kann ich nutzen? Zudem ist es sinnvoll, die eigenen Stärken aufzuschreiben und zu schauen, wie sich diese in der Krise nutzen lassen. Auch das Prüfen der eigenen Netzwerke ist relevant: Wer kann aus meinem Netzwerk zur Unterstützung hinzugezogen werden? Was kann ich für andere tun? Abseits von diesen Fragen sollte man versuchen, in eine positivere Stimmung zu kommen unabhängig von der Arbeit. Vielleicht gibt es Dinge, die man aufgeschoben hat oder Aktivitäten, denen man lange nicht mehr nachgegangen ist, z. B. ein besonderes Buch lesen oder mit alten Freundinnen und Freunden wieder Kontakt aufnehmen. Viele dieser Empfehlungen kommen aus dem Bereich Resilienz, die jetzt sinnvoll sein können. Mir ist wichtig: Die Ratschläge sind kein Sarkasmus gegenüber denjenigen, die jetzt echte Existenzängste haben. Wir wissen aber, dass Ängste sich verstärken können, wenn man nicht aktiv gegensteuert. 

Wovon raten Sie dringend ab?

Sich den ganzen Tag über Corona zu informieren. Wenn wir uns beständig mit „schlechten“ Nachrichten beschäftigen, wird es schwer, sich auf die Arbeit oder die noch vorhandenen Gestaltungsmöglichkeiten zu konzentrieren. Ich empfehle, nicht mehr als eine halbe Stunde hierzu zu verwenden – außer es gibt dringliche Themen. Meist reicht eine Infoschleife morgens und abends, um gut informiert zu sein. 

Herr Lenze, vielen Dank für das Gespräch.

Marc Lenze ist Inhaber des Instituts für gesundheitliche Prävention (IFGP), das Organisationen in Gesundheitsfragen und im Aufbau eines betrieblichen Gesundheitsmanagements unterstützt. Das IFGP ist zudem Partner von psyGA.